Geschichte von Ilversgehofen

Ein Blick auf die über 1000-jährige Geschichte des ehemaligen Dorfes und heutigen Stadtteils von Werner Hehn

In früherer Zeit

Archäologische Bodenfunde aus der Stein- und Bronzezeit (5.000 - 1.800 v.u.Z) belegen frühe Siedlungsfunde in unserer Region. Es wird angenommen, dass einzelne Stammesgruppen während der Völkerwanderung hier gelebt und Hausgeräte bzw. Werkzeuge hinterlassen haben. Historiker vermuten, dass erst im 8. oder 9. Jahrhundert an den Ufern der schmalen Gera eine dauerhafte, dorfähnliche Ansiedlung stattfand. Die Besiedlung deutet in die Regierungszeit von Karl dem Großen (768 - 814, König von Franken), in dem das Gebiet dem ostfränkischen Herrschaftsgebiet angehörte. In jener Zeit errichteten die fränkischen Kolonisten an wichtigen Handelswegen und Flussübergängen Wachstationen und Niederlassungen. Unterstützt wurde dieses Vorgehen von einer fränkischen Grundherrschaft aus Kirchenvertretern und Adel.

Hofniederlassung zu fränkischer Zeit

Hofniederlassung zu fränkischer Zeit

Eine solche Wachstation wird südlich des Roten Berges vermutet und es ist nahe liegend, dass ein fränkischer Sippenverband im Schwemmland der Schmalen Gera eine solche Hofniederlassung gründete, welche den Namen des Sippenältesten, Eilbertsgehoven, trug, was soviel wie "die Höfe des Eilbert" bedeutet. Als fränkische Einwanderer waren sie vertraut mit Ackerbau, Viehzucht, Weinanbau, Handwerk und dem Handel mit landwirtschaftlichen Produkten. Für die Hofniederlassungen in jener Zeit wird angenommen, dass die Höfe jeweils mit einer Hecke gesäumt waren und ihre Felder sich außerhalb befanden.

Urkundliche Ersterwähnung

Am 15. August 1145 versammelte der Erzbischof von Mainz, Heinrich I., seine Vasallen in Erfurt, um Schenkungen und Lehen beurkunden zu lassen. Unter den 32 Zeugen befanden sich auch Wolfelin von Eilbertshove und sein Bruder Siegfried. Diese Namensträger sind auch in den nachfolgenden Zeiten in unserer Region nachweisbar. Die damals in Erfurt ausgestellte Urkunde befindet sich im Original im Stadtarchiv Würzburg. Als Kopie wurde sie 2015 für das Stadtarchiv nach Erfurt geholt, um jährlich in der Sonderausstellung in der Heiligen Mühle gezeigt zu werden. Bei der Schreibweise des Ortsnamens führten zahlreiche Zwischenformen 1485 zur heutigen Schreibweise "Ilversgehofen".

Küchendorf und Lehen

1157 bestätigte der Erzbischof von Mainz Arnold die Befreiung seiner Dienstleute u.a. in Ilversgehofen von Zollabgaben und legte fest, dass der Ort fortan als Küchendorf den Tisch des Mainzer Hofes in Erfurt zu decken hatte. Nach der Weitergabe als Lehen an die Grafen von Gleichen wurde der Ort mehrfach verpfändet und kam 1304 als Ratsdorf endgültig in Erfurter Besitz.

Ilversgehofen vor den Toren Erfurts gelegen

Ilversgehofen vor den Toren Erfurts gelegen

Die Mühlen an der Schmalen Gera galten damals als wichtiges Gewerbe, wobei die Heiligen Mühle (1291) die älteste ist.

Unruhige Zeiten

In seiner schlimmsten Zeit hatte der Ort Ilversgehofen gerade mal noch sieben Einwohner. Die Menschen litten bittere Not, welche Kriege, wechselnde Herrschaftsverhältnisse und häufige Naturkatastrophen zusätzlich verschärfte. Bei Kriegsereignissen, z.B. während des 30-jährigen Krieges, flohen viele Bewohner in die Stadt. Kirche und Ort wurden nahezu zerstört und man brauchte lange Zeit, um das Gemeinwesen und die Kirche im Ort wieder aufzubauen. Auch im 7-jährigen Krieg (1756 - 1763) hatte der Ort unter Plünderungen und Truppendurchmärschen zu leiden. Nach der Regentschaft von Mainz ab 1664 und anschließend von Preußen ab 1802 fiel am 14. Oktober 1806 die Festung Erfurt ohne Widerstand an Napoleon und blieb bis 1814 unter französischer Fremdherrschaft. In den Jahren danach erfolgte unter preußischer Herrschaft der schrittweise Wiederaufbau des Gemeinwesens.

Dorfansicht von Ilversgehofen um 1827

Dorfansicht von Ilversgehofen um 1827

Entwicklung zum Industriestandort

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts erlebte Ilversgehofen eine rasante Entwicklung zum Industriestandort und zusehends wurden aus Bauern und Handwerkern Fabrikarbeiter. Den Anfang machten 1820 die Gebrüder Born, die neben ihrer Mühle eine Samen- und Handelsgärtnerei gründeten und später Senf, Essig und Sprit herstellten. Schon 1835 produzierte in der Ilversgehofener Flur die Firma J. A. John, die 1902 mit Henry Pels und Co. zu einer der größten Maschinenfabriken Deutschlands fusionierte. In den Jahren bis 1870 entstanden weitere Betriebe, wie die Ziegelei Salender (1839), die Malzfabrik Eisenberg (1849), die Kieswerke Wagner (1865) und die Metallwerke Schramm (1866). Von 1862 bis 1916 förderte das königlich-preußische Steinsalzbergwerk (Saline) am östlichen Ortsrand Steinsalz über zwei Schächte in 370 m Tiefe mit ca. 70 Bergleuten.

Königlich-preußisches Steinsalzbergwerk

Königlich-preußisches Steinsalzbergwerk um 1870

Mit der Entfestigung der Stadt Erfurt 1873 fanden auf Ilversgehofener Flur weitere Industrieansiedlungen statt, u.a. die Maschinen- und Werkzeugfabrik Erfordia (1882), die Schuhfabrik Cerf und Bielschowski (1885), die Eisengießerei Bohn (1898) und die Berlin-Erfurter Maschinenfabrik Pels (1899). Mit der Verlegung der Maschinenfabrik von Christian Hagans 1905 nach Ilversgehofen konnten am neuen Standort bis 1928 auch Lokomotiven gebaut werden.

Ilversgehofen wird Teil der Stadt Erfurt

Bereits 1863 wird das Erfurter Straßennetz bis Ilversgehofen erweitert und schon 1883 war Ilversgehofen mit Erfurt verkehrstechnisch mit der Pferdebahn und ab 1894 mit der Elektrischen Straßenbahn verbunden. Sowohl die Weiterführung des Straßen- und Schienennetzes zur Jahrhundertwende als auch die Versorgung von Strom, Gas, Wasser und Kanalisation stellte die Gemeindeverwaltung vor kaum lösbare Aufgaben, was die preußische Regierung in Erfurt bewog, die Eingemeindung Ilversgehofens voranzutreiben. Mit der Order des preußischen Königs, Wilhelm II., wurde am 1. April 1911 die Eingemeindung Ilversgehofens vollzogen. Der Ort zählte zu jener Zeit etwa 12.000 Einwohner. In den folgenden 80 Jahren war Ilversgehofen ein Teil von Erfurt Nord und verlor zunehmend seine eigene Identität.

Nordpark um 1914, heutiger Ilversgehofener Platz

Nordpark um 1914, heutiger Ilversgehofener Platz

Klassenkampf und Machtergreifung der Nationalsozialisten

Als Folge des 1. Weltkrieges kam es u.a. zur Rationierung von Lebensmitteln sowie zunehmender Arbeitslosigkeit. Weltwirtschaftskrise und Inflation waren der Zündstoff für den Kampf der Arbeiter im „Roten Norden“, der sich gegen Notverordnungen und NSDAP richtete. Bei Wahlen in Erfurt-Nord belegten die SPD und KPD vordere Plätze.

Arbeiter-Demonstration im Jahre 1919 durch die Magdeburger Allee

Arbeiter-Demonstration durch die Magdeburger Allee im Jahre 1919

Im Zuge der Machtergreifung der Nationalsozialisten und dem Verbot der Gewerkschaften wurde der Klassenkampf offen auf der Straße ausgetragen. Zu den ersten Opfern zählten die Arbeitersportler Kurt Beate und Werner Uhlwurm, die auf dem Heimweg vom Johannesplatz an der heutigen Breitscheidstraße von SA-Männern am 19. Februar 1930 durch Pistolenschüsse zu Tode kamen. Im Hintergebäude der Feldstraße 18 wurde von März bis November 1933 ein Schutzhaftlager eingerichtet, in welchem in diesem Zeitraum 106 Antifaschisten inhaftiert wurden. Widerstandskämpfer wie Heinz Sendhoff, Josef Ries, Waldemar Schapiro und Fritz Büchner wurden von hier aus verschleppt, gefoltert bzw. umgebracht.

Schon vor Beginn des 2. Weltkrieges begann man im Erfurter Norden Fabriken auf die Rüstungsproduktion umzustellen. Die bekanntesten waren die Maschinenfabrik Pels, die Flakgeschütze produzierte, sowie die Flugzeugreparaturwerft (REWE), die u.a. Lastensegler herstellte
Bereits 1941 mußte Erfurt Luftangriffe ertragen, deren Zahl sich in den Folgejahren noch verstärkte, was zu erheblichen Schäden auch in Ilversgehofen führte und viele Tote und Verletzte unter den Bürgern und Zwangsarbeitern zur Folge hatte.

Kriegsschäden in der Magdeburger Allee 1941

Kriegsschäden in der Magdeburger Allee 1941

Die Befreiung am 11. April 1945 durch die 80. Infanterie Division der Alliierten Truppen bedeutete für die Stadt Erlösung und Neuanfang. In dieser Stunde Null keimte in der Bevölkerung aber auch die Hoffnung und die Kraft, eine Zukunft in Frieden zu gestalten.

Wiederaufbau und Sozialismus

Geprägt durch das Inferno des 2. Weltkrieges begannen die Menschen nach 1945 ihr Leben und die Fabriken wieder aufzubauen und ihre Zukunft mitzugestalten. In Erfurt Nord wuchsen Industrie- und Wohnungsbau, der den Bewohnern Arbeit und Heimat über Jahrzehnte bedeutete.

Dass der Aufbau des Sozialismus in der jungen Republik auch seine Schwächen hatte, zeigte der Arbeiteraufstand 1953, dem sich auch in Erfurt-Nord die Belegschaften einiger Betriebe anschlossen. Die Rücknahme der überzogenen Arbeitsnormen und der Übergabe der JAG-Betriebe in Volkseigentum beruhigten die angespannte Lage. In den folgenden Jahren konnte sich Industrie- und Konsumgüter­produktion weiter stabilisieren, auch wenn noch viele Wünsche offen blieben.

Zunächst verstaatlichte die DDR sämtliche großen Betriebe, später kamen auch fast alle mittleren und kleinen an die Reihe. Um die Rationalisierung zu verstärken und die zentralisierte Steuerung der Produktionsabläufe zu verbessern, wurden Ende der 60er-Jahre die volkseigenen Betriebe nach Branchen zu Kombinaten zusammengeschlossen. Im Industriegebiet Erfurt-Nord hatten ihren Sitz das Schuhkombinat "Paul Schäfer", das Kombinat Umformtechnik, das Bau- und Montagekombinat Industriebau und das Wohnungsbaukombinat. Weitere Großbetriebe in Erfurt-Nord, wie das Generatorenwerk "Clara Zetkin", das Thüringer Fensterwerk und das Kühlmöbelwerk, gehörten Kombinaten an, deren Stammbetriebe (Sitz) außerhalb des Industriegebietes waren.

VEB Pressen- und Scherenbau 1968, ehemals Maschinenfabrik Pels

VEB Pressen- und Scherenbau 1968, ehemals Maschinenfabrik Pels

Das Wohnungsbauprogramm der DDR sorgte auch in Erfurt ab 1965 für eine spürbare Verbesserung auf dem Wohnungsmarkt, wobei jedoch die Sanierung des Altbestandes stark vernachlässigt wurde. Auf Ilversgehofener Flur entstanden in Plattenbauweise zwei neue Großwohnsiedlungen, die heutigen Stadtteile Johannesplatz für ca. 5.000 Bewohner (1965 bis 1972) und Rieth für ca. 10.000 Bewohner (1969 - 1974 ).

Umbruch und Neubeginn

Die politische Wende im November 1989 führte zunächst zu großer Euphorie, Häuser wurden saniert, die Geschäfte verzeichneten ein nie da gewesenes Umsatzhoch auf Grund des Angebotes an westlichen Waren. Doch bald entstanden neue Ängste. Infolge der Abwicklung ganzer Industriezweige und des Verlustes tausender Arbeitsplätze hatten die Menschen im Stadtteil, der seit 1992 wieder Ilversgehofen heißt, tiefe Einschnitte in das Leben zu verkraften. Es herrschte eine bis dahin nicht gekannte, hohe Arbeitslosigkeit. Dazu kam die Sorge der Bürger, durch Rückübertragungen von Grund und Boden ihre Wohnhäuser und Gewerbebetriebe und damit ihre Existenzgrundlage zu verlieren. Die Einwohnerzahl des Stadtteils Ilversgehofen verringerte sich von 1990 bis zum Jahre 2000 um etwa 1.200. Dies hatte auch zur Folge, dass Ilversgehofen den höchsten Wohnungsleerstand mit einem erhöhten Bestand an leerstehende Häusern aller städtisch geprägten Stadtteile von Erfurt aufwies.

Industriebrache Schuhfabrik in der Magdeburger Allee vor dem Abriss 2010

Industriebrache Schuhfabrik in der Magdeburger Allee vor dem Abriss 2010, Foto: R. Falk

Statt blühender Landschaften entstanden gerade an dem ehemaligen Industriestandort ausgedehnte Brachflächen, die zunehmend ein Bild der Verwahrlosung boten und das Negativimage vom Erfurter Norden noch verstärkten. Trotzdem blieb Ilversgehofen auch nach der Wende einer der industriellen Standorte Erfurts.

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