Aus der Geschichte des Erfurter Nordbades

Das Volksbad im Nordpark

Den nachfolgenden Artikel haben wir in der Reihe  „Aus der Vergangenheit der Stadt Erfurt“ Reihe II, Heft 2, Band 2/1956, Seite 39 entdeckt:

"Eine der traurigen Folgen des ersten Weltkrieges war eine jahrelang anhaltende Massen-Arbeitslosigkeit in Deutschland. Hunderttausende von beschäftigungslosen Arbeitern und Angestellten standen vor dem Nichts und waren auf die Almosen eines Staates angewiesen, der sich krampfhaft bemühte, aus dieser katastrophalen wirtschaftlichen Notlage einen Ausweg zu finden. Auf seiner Sitzung vom 7. Juli 1921 beschäftigte sich der Deutsche Reichstag mit einer 10 Punkte umfassenden Forderung des „Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes“. Den Hauptteil dieses Beschlusses bildeten die Grundsätze über Arbeitsbeschaffung; vor allem sollte volkswirtschaftlich wertvolle Arbeit geleistet werden. Dabei ging man von dem sogenannten „Harburger System“ aus. Es bestand darin, dass zur Deckung der Kosten für ein beabsichtigtes Bauobjekt die Allgemeinheit herangezogen wurde. Das heißt also, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Beamte und Privatleute mussten die dafür benötigten Mittel nach einem aufgeschlüsselten Plan aufbringen.

So mussten unter anderem die Arbeitgeber für jeden Beschäftigten monatlich eine Mark zahlen, alle Arbeitnehmer hatten ½ % ihres Wochen- oder Monatslohnes abzuliefern, die Stadt hatte Kostenanteile zu übernehmen und aus den übrigen Bevölkerungskreisen wurden freiwillige Beträge erwartet.

Dieser Weg zur Verminderung der Arbeitslosigkeit wurde 1920 erstmalig von der Stadt Harburg/Elbe beschritten und hat, da sich das System dort bewährte, anderweitig Nachahmung gefunden. Auch in der Stadt Erfurt stimmten die organisierten Arbeiter und Angestellten sowie der Magistrat für die Einführung dieser Maßnahme. Groß werden die Erwartungen der Erfurter Erwerbslosen dabei nicht gewesen sein, aber auf Grund der wirtschaftlichen Hoffnungslosigkeit versprach man sich doch einige Linderung davon. Der Erwerbslosenausschuss richtete deshalb im August 1921 ein dringendes Gesuch an den Magistrat, unverzüglich größere Bauobjekte in Angriff zu nehmen. Die weiteren Verhandlungen zwischen den Gewerkschaften und der Stadt Erfurt verliefen erfolgversprechend, und man einigte sich darauf, einem schon lange bestehenden Bedürfnis der Bevölkerung Rechnung zu tragen. Im Norden der Stadt sollte eine großzügige, moderne Schwimmanstalt mit Luftbad erstehen. Der hohen Kosten wegen hatte man bisher von diesem schon länger geplanten Objekt immer wieder Abstand genommen. Der lang gehegte Wunschtraum vieler Erfurter sollte nun Wirklichkeit werden.

Vorgesehen waren ein großes Schwimmbecken, ein Planschbecken für Kleinkinder sowie ein Sonne- und Luftbad. 1923 wurde mit den ersten Ausschachtungsarbeiten begonnen. Insgesamt wurden in den Jahren 1923/24 rund 60 000 cbm Erdmassen bewegt. Damit wurden die im Bade selbst benötigten Dämme gebaut, aber auch eine im heutigen Nordpark gelegene Kiesgrube aufgefüllt. Das hier gewonnene Gelände teilte man zunächst in Kleingärten auf, die später eingeebnet und als Sportplatz der „Freien Schwimmer“ verwendet wurden. Zur Finanzierung ihres Bauvorhabens trugen die Sportbewegungen der „Freien Schwimmer“ und der „Freien Turnerschaft“ durch den Verkauf von Bausteinen bei.

Die zum Bau des großen Schwimmbeckens benötigten 900 cbm Kalkbruchsteine beschaffte man zum größten Teil aus einem Steinbruch bei Windischholzhausen. Die restlichen 300 cbm stammen vom alten Steinhaus des Hospitals, welches um diese Zeit abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt wurde.

Am 12. August 1925 erfolgte die Einweihung und provisorische Eröffnung des Nordbades. Eine Umkleidehalle für 800 Personen musste im ersten Jahr den Anforderungen genügen. Trotzdem besuchten bis Ende der Badesaison 1925 30 000 Besucher die neugeschaffene schöne Badeanstalt und waren von ihr restlos begeistert. In den folgenden Jahren wurden die Umkleidehalle und Kabinen für zirka 3 500 Personen erweitert, eine Tribüne für 3 000 Zuschauer angelegt und das Wirtschaftsgebäude mit Restaurationsbetrieb sowie zwei Wohnungen gebaut. Mit einer ausgedehnten Liegewiese und einer 2 800 qm großen Sandfläche kam man auch den Freunden des Luft- und Sonnenbades entgegen.

Die Zuleitung des Wassers für beide Becken erfolgt heute wie damals aus einer 600 m langen Rohrleitung aus dem Flutgraben oberhalb der Talstraße. Dieses zulaufende Frischwasser wird durch eine Filteranlage keimfrei gemacht. Den Wasserablauf regulieren 20 Stichleitungen nach dem Flutgraben. Die völlige Erneuerung des Badewassers von 9 000 cbm kann innerhalb von 30 Stunden geschehen. Außerdem ist es durch eine sinnvolle Schieberanordnung am Einlauf möglich, das Wasser des Schwimmbeckens strömungslos zu machen. Diese Maßnahme ist wichtig für größere schwimmsportliche Veranstaltungen.

Nach Abschluss der Erdarbeiten hob das städtische Tiefbauamt in einem Bericht über die ausgeführten Arbeiten besonders die gute Arbeitsmoral der beteiligten Erfurter Erwerbslosen hervor. Durchschnittlich waren 100 Mann bei den Ausschachtungsarbeiten beschäftigt.

Seit der endgültigen Fertigstellung dieser großzügigen Schwimmanlage im Jahre 1929 verfügte die Stadt Erfurt über ein Freibad, wie es nur wenige Städte gleicher Größe aufweisen können. Das Bad, welches ursprünglich zur Entlastung der bestehenden Anstalten und hauptsächlich für die Bevölkerung des Nordteiles der Stadt gedacht war, erlangte bald eine Bedeutung, die weit über den mitteldeutschen Raum hinausreichte. Nahezu 370 000 Menschen aus allen Teilen und Ständen Erfurts erfreuten sich schon ein Jahr nach der Eröffnung im Jahre 1926 als Badegäste dieser herrlichen Anlage. Überwiegend sind es die Arbeiter und Angestellten der Erfurter Industrie- und Handwerksbetriebe, welche zu den ständigen Besuchern gehören und mit ihren Angehörigen Erholung und Entspannung finden. Vor allem aber wird hier den vielen Tausenden von Schulkindern und Jugendlichen eine günstige Gelegenheit geboten, von erfahrenen Schwimmmeistern Schwimmunterricht zu erhalten. Seit Bestehen dieses Bades hat sich der Erfurter Schwimmsport in einem Maße aufwärts entwickelt, dass man Erfurt mit Recht als eine Hochburg des deutschen Schwimmsports bezeichnen kann. Zahlreiche nationale und internationale Veranstaltungen rechtfertigen den guten Ruf, den das Erfurter Nordbad in den Kreisen der Wassersportler genießt. Wenn bereits in den zwanziger Jahren die Vereinigung der „Freien Schwimmer“ eine beachtliche Leistungsstärke aufwies, so gingen in den späteren Jahren aus den Reihen der Erfurter Schwimmer ausgesprochene Spitzenkönner hervor. Auch die bekannte Europameisterin und verdiente Meisterin des Sports Jutta Langenau machte im Becken des Nordbades ihre ersten „Gehversuche“.

Auf Anregung der BSG Turbine wurde im Herbst 1953 mit dem Bau eines besonderen Sportbeckens begonnen1). Hierbei handelt es sich um ein abgegrenztes Becken von 50x25 m innerhalb des großen Hauptbassins, welches vollkommen mit Fliesen ausgelegt ist. Dieses Sportbecken verfügt über eine einwandfreie 50-m-Bahn. Die bisherigen 6 Startbahnen wurden auf 8 erweitert. Dank der hier gegebenen hervorragenden Trainingsmöglichkeiten wird auch in Zukunft der Erfurter Schwimmernachwuchs im gesamtdeutschen Rahmen eine beachtliche Rolle spielen.

Im Verhältnis zu den anderen Bädern der Stadt zeichnet sich das Nordbad besonders durch die Großzügigkeit seiner Anlage aus. Langgestreckt und harmonisch wirkt die Anordnung der Gebäude, gefällig und gleichsam Verbindung suchend mit dem tiefer gelegenen Schwimmbecken gliedern sich die Ränge der Zuschauertribüne. Im Norden unserer Stadt war eine soziale Einrichtung entstanden, die mit voller Berechtigung die Bezeichnung „Volksbad“ führen kann. Als wirkliches Familienbad erfüllt es nun seit dreißig Jahren die Erwartungen der Erfurter Bevölkerung in jeder Beziehung.

1) Einen Teil der Baukosten stellte der Rat des Bezirkes aus Totomitteln zur Verfügung. Das Sportbeckenwurde am 23. Juni 1954 anlässlich eines internationalen Schwimmwettkampfes mit einer ungarischen Mannschaft seiner Bestimmung übergeben."